Eierlikörtage – Das geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 83 1/4 Jahre

Meine Buchentdeckung des Jahres! Hendrik Groen ist 83 1/4 Jahre alt und lebt in einem Altersheim im Norden von Amsterdam. Sein ganzes Leben hat er zu den liebenswürdigen Ja-Sagern gehört, die immer freundlich und korrekt gegenüber ihren Mitmenschen waren. Nun hat er beschlossen, solange er dazu noch in der Lage ist, ein Jahr lag Tagebuch zu führen und die Komischen, aber auch traurigen Ereignisse in seiner Umgebung detailliert aus seiner Sicht aufzuschreiben.

Dabei legt der Mann  einen  erfrischenden, ungeschönten, manchmal geradezu bissigen bittersüßen Sarkasmus an den Tag, den kein Kabarettist der Welt besser hätte darbieten können. Der Zehen schwärzende Diabetes und der Hang zum Alkohol des besten Freundes wird dabei ebenso bedacht, wie die Mitbewohnerin, die sich mal eben in drei Kuchenstücke setzt, ohne dies zu merken. Die Demenz der ältesten Mitbewohnerin, die damit unfreiwillig für Heiterkeit sorgt und die Tatsache, das Angehörige der alten Leute bei einer Erhöhung der Parkgebühren um einen Euro einen weiteren Grund dafür hätten, dem Altersheim bei den Besuchszeiten fern zu bleiben. All das hält Groen in schonungslos ehrlicher Weise in seinem Tagebuch fest.

Wäre das, was er mit viel Humor und Feinsinnigkeit in seinen Zeilen schildert nicht gleichzeitig so abgrundtief traurig und ein Zeichen dafür, wie wenig Beachtung in der heutigen Gesellschaft alte und kranke Menschen noch finden, man wäre nicht so sehr angetan von dem, was er dem Leser versucht, durch seine Alltagsschilderungen klar zu machen. Eine ähnliche Schilderung hätte ich 2015 ebenfalls schreiben können, nachdem ich 3 Monate Krankenhaus und Rehaklinik hinter mich gebracht hatte und dabei am eigenen Leib erfahren musste, wie es ist, zum unwichtigen, nichtssagenden Individuum von Ärzten, Krankenschwestern und Therapeuten gemacht zu werden. Viele meiner Mitpatienten waren ebenfalls alt und gebrechlich, was auch hier so manches Mal zu unfreiwillig komischen Ereignissen führte.

Alte Leute in den Niederlanden und ebenso in Deutschland müssten sich viel mehr so wie der (vielleicht fiktive) Hendrik Groen in diesem System zu Wort melden dürfen, um klar zu machen, dass auch ihr Leben noch ein Lebenswertes ist, selbst wenn die perfekte Alltagswelt ihrer Angehörigen und Mitmenschen diese Sichtweise gar nicht mehr zulässt. Ich freue mich schon auf eine hoffentlich folgende Fortsetzung der lebensbejahenden, wunderbar direkt geschriebenen Eierlikörtage: Das geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 83 1/4 Jahre aus dem Piper Verlag, die wirklich in keinem Bücherschrank und auf keinem Ebook-Reader fehlen sollten.

Leseprobe

Hinterlasse einen Kommentar