Erfolgreiche englische Dramadie-Serie über einen Arzt, der vom Großstädter zum Dorfbewohner wird: Doc Martin

Auf gute englische Comedy Serien stößt man meist durch einen puren Zufall. Hier war es eher das genaue Hinschauen bei einer anderen Comedy Serie. Und die positive Gegebenheit, dass der Verlag Polyband zu den Verlagen in Deutschland zählt, die besonders gerne englische Serien auf DVD und Blue-Ray herausbringen. Zu diesen zählten seinerzeit auch die Kultserien „Little Britain“ und „Come Fly With Me“ von Matt Lucas und David Walliams, die bis heute zu meinen Lieblingsserien zählen (auch weil sie von den hierzulande nicht minder populären Komikern Oliver Kalkofe und Oliver Welke synchronisiert wurden.) In einer Folge von „Come Fly With Me“ spielen Lucas und Walliams zwei asiatische Schulmädchen, die große Fans des englischen Schauspielers Martin Clunes sind und ihm ein Lied gewidmet haben.

 

Dessen Name hat mich darum sofort angesprochen, als ich bei der Verlagsvorschau von Polyband in diesem Frühjahr die Comedyserie Doc Martin entdeckt habe. „Das muss die Serie sein, die Lucas und Walliams im Kopf hatten, als sie den Sketch in ihrer Serie dargeboten haben.“ dachte ich mir. Darum möchte ich sie nun auch Euch, meinen Lesern, vorstellen. Die Serie ist zwar komplett anders, als „Little Britain“, nämlich wesentlich feinsinniger und „erwachsener“, aber dennoch extrem sehenswert.

Erzählt wird die Geschichte von Dr. Martin Ellingham (gespielt von Martin Clunes), der seinen Job als angesehener Londoner Chirurg nach einem traumatischen Erlebnis an den Nagel gehängt hat und nun in das abgelegene Fischerdorf Portwenn zurück gekehrt ist, in dem er als Kind bei seiner Tante Joan viele glückliche Stunden verlebt hat. Er übernimmt den gerade frei gewordenen Posten des Dorfarztes, da sein Vorgänger verstorben ist und das Dorf nun gänzlich ohne Mediziner dasteht. Von den Dorfbewohnern gegen seinen Willen mit Vorliebe Doc Martin genannt, wird der Soziophobiker mit Portwenn nicht so recht warm. Schnell muss er feststellen, dass sein Vorgänger wohl nicht ausschließlich Anlaufstelle für medizinische Probleme, sondern auch für Dorfklatsch und eine Tasse Tee war.

Entschlossen, schon vor der fertigen Einrichtung seiner Praxis das Weite zu suchen, erkennt Ellingham, dass er im Dorf gebraucht wird. Seine Tante leistet ihm angesichts der anfänglichen Unruhen unter der Dorfbevölkerung dabei seelische Unterstützung. Die Grundschullehrerin Louisa Glasson, auf die er ein Auge geworfen hat, erwidert zwar seine Gefühle, doch die beiden scheinen oft an ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten zu scheitern. Und nicht zuletzt machen seine faule und unzuverlässige Sprechstundenhilfe Elaine und der nicht verschwinden wollende Praxishund Ellingham das Leben schwer…

Insgesamt wurden bisher sechs Staffeln der Serie produziert und im britischen Fernsehen auf ITV1 ausgestrahlt. Am Ende der zweiten Staffel wurde 2006 ein Weihnachtsspezial in Spielfilmlänge (92 Minuten) mit dem Titel „On The Edge“ ausgestrahlt. In Deutschland sind bereits die ersten drei Staffeln auf DVD erschienen, und es werden noch Weitere folgen. Für alle Fans des feinen britischen Humors ein Muss.

Komische Krimihörspiele mit kuriosen Komikern: Kai-Magnus Sting – Tod unter Gurken

Alfons Friedrichsberg – Ein kluger Pfundskerl mit bissigem Humor! So kann man den schwergewichtigen, schlagfertigen Ruheständler und Hobbyermittler aus der Feder von Kai Magnus Sting wohl am besten charakterisieren. Als ein Sprecher für die Hörspielfassung der Kriminalgrotesken rund um den liebenswerten Privatier mit Tendenz zur Schnüfflernatur gesucht wurde ist man äußerlich wie innerlich treffender Weise auf Kabarettist Jochen Malmsheimer gekommen. Seine Schauspielerkollegen Bastian Pastewka und Annette Frier, beide erfahrene Hörspiel- und Hörbuchsprecher, komplettieren gemeinsam mit dem Autor der Geschichten das Ensemble für die Darbietung der herrlich absurden Handlungen.

Bis auf Malmsheimer sprechen die drei anderen auch alle weiteren in den unterschiedlichsten Situationen auftauchenden Charaktere. Pastewka brilliert dabei beispielsweise als sächselnder Lokführer, für den die Zugdurchsagen zur echten Herausforderung werden oder als durchgeknallter Buchhändler mit Tendenz zum Morden, statt zum Krimis verkaufen. Frier macht sich derweil als ahnungslose Metzgersgattin genauso unabdingbar, wie als mordende Physiotherapeutin. Kai-Magnus Sting führt hauptsächlich als charmanter Erzähler durch seine Kriminalgrotesken, in denen Malmsheimer als Friedrichsberg nicht nur auf einen Toten im Gurkenbeet, sondern auch auf falsch zusammengesetzte zerstückelte Leichen auf einer Parkbank und eine Zugreisende mit Verfolgungswahn trifft. Kult-Regisseur Leonard Koppelmann sind mit der Inszenierung von Tod unter Gurken ein paar brillante Hörspiel Episoden gelungen, nach deren Ende man nichts anderes tun kann, als auf eine Fortsetzung zu hoffen. Herrlich komisch und für das Überbrücken eines verregneten Sommertages besonders gut geeignet.

Wenn eine PR-Spezialistin zur Hobbyermittlerin wird: Agatha Raisin

Agatha Raisin ist Anfang 50 und führt in London eine gut laufende PR Agentur. Bei Kunden und Freunden ist sie beliebt. Aber trotzdem fehlt ihr zum vollkommenen Leben der richtige Partner und eine schöne Umgebung auf dem Land. Darum beschließt sie, ihrem alten Leben den Rücken zuzukehren und sich ein Cottage in den Cotswolds zuzulegen. Im kleinen idyllischen Örtchen Carsley findet sie genau das Häuschen, was sie sich immer gewünscht hat. Was sie jedoch anfänglich unterschätzt hat, sind die Nachbarn in dem kleinen Ort. Die wollen mit ihr rein gar nichts zu tun haben und halten sie für eine hochnäsige,  eingebildete Großstadttussi. Lediglich ihre neue Haushälterin Gemma wird für sie ganz schnell nicht nur zur Ansprechpartnern,  sondern auch zur Freundin. Außerdem gibt es da noch den hochattraktiven James Lacey, der sie zwar ignoriert, aber auf den sie sofort ein Auge wirft.

In der 90minütigen Pilotfolge zur Serie mit dem Titel „Der tote Richter“ möchte Agatha neue Bekannte und Freunde innerhalb von Carsley gewinnen, indem sie am alljährlichen Quiche-Wettbewerb teilnimmt. Dumm ist nur, dass einer der Preisrichter aufgrund einer Vergiftung stirbt und das Gift dazu ausgerechnet in Agathas Quiche gefunden wird. Nun muss sie zu allem Überfluss auch noch zugeben, dass sie die Quiche gar nicht selbst gebacken hat. Weil ihr das aber ohnehin niemand so richtig glauben will, auch nicht die örtliche Polizei,  macht sie sich mit Hilfe von Gemma schließlich selbst auf die Suche nach dem Mörder. Dabei treten reichlich interessante Details über einige ihrer Dorfmitbewohner zutage, die man anfänglich so gar nicht vermutet hätte…

Die auf ZDFneo ausgestrahle und bei Polyband auf DVD veröffentlichte Serie ist eine gekonnte Mischung aus tiefschwarzem Humor und spannenden Kriminalfällen. Nicht nur der Pilotfilm, sondern auch die acht 45-menütigen Folgen der ersten Staffel, allesamt aus der Feder der schottischen Erfolgsautorin M.C. Beaton, sind herrlich skurril und absolut sehenswert. Hauptdarstellerin Ashley Jensen ist für mich schauspielerisch die Entdeckung des Jahres.

PILOTFILM: Der tote Richter

FOLGE 1: Die Tote im Feld
FOLGE 2: Die tote Glöcknerin
FOLGE 3: Der Tote im Wasser
FOLGE 4: Die tote Gärtnerin
FOLGE 5: Der tote Tierarzt
FOLGE 6: Die ertrunkene Braut
FOLGE 7: Die tote Hexe
FOLGE 8: Der tote Ehemann

Die Wiederauflage von „Genial Daneben“ ging aus meiner Sicht daneben

Ich bin Newsletterabonnent des Mediendienstes DWDL. Dieser meldete vor Kurzem voller Euphorie die Wiederauflage meiner früheren Lieblingssendung „Genial Daneben“ auf SAT1. Klar, dass ich mir einen dicken Knoten in mein Taschentuch gemacht habe. Gestern Abend war es dann nach immerhin sechs Jahren Wartezeit endlich soweit. Doch leider muss ich gestehen, dass ich die heutige Lobhudelei von DWDL auf die Sendung nicht wirklich teilen kann. Vielleicht liegt es daran, dass ich mittlerweile die 40 überschritten habe und sonst vorwiegend öffentlich-rechtlich Unterhaltung suche und bekomme (z.B. mit den Kabarettaufzeichnungen auf 3SAT und der heute-show im ZDF). Auf jeden Fall war mein relativ nüchternes Fazit nach der gestrigen Sendung „Sechs Millionäre saßen sich an zwei Tischen gegenüber und unterhielten sich über Nichtigkeiten“. Mag sein, dass dies auch früher schon der Fall war, aber es fiel Zuschauern wie mir damals nicht so offensichtlich auf. Will heißen: Der Spaß und Elan früherer Sendungen ließ gestern auf sich warten. Vielleicht, weil auch die Mitstreiter, außer Neuling Luke Mockridge, inzwischen sechs Jahre und einige Fernsehformate oder Theaterauftritte älter geworden sind. Mittlerweile kann ich zumindest auch verstehen, warum Bernhard Hoecker sich das nicht mehr antun wollte. Er hat sich richtig entschieden. Ich werde das zukünftig auch wieder tun und nicht mehr auf den wöchentlichen Freitagskrimi im Zweiten verzichten.

Father Brown kann’s einfach nicht lassen: Staffel 4 der BBC-Kult Comedy-Crime Serie auf DVD

Es gibt zwei Kult-Krimi Serien, die mich quasi schon durch mein ganzes Leben begleitet haben, immer mit unterschiedlichen Darstellern und Ausprägungen der Charaktere. Das waren Sherlock Holmes und Pater Brown. Was ich jedoch erst vor Kurzem erfahren habe, ist, dass Pater Brown-Erfinder Gilbert Keith Chesterton mit seiner Figur des kriminalistisch agierenden Geistlichen ein Gegengewicht zu der Londoner Detektiv-Kultfigur von Arthur Connan Doyle schaffen wollte. Das ist ihm, was den Beliebtheitsgrad beider Figuren angeht, ganz sicher auch gelungen. Die erste Pater Braun Verfilmung, an die ich mich erinnern kann, war mit Heinz Rühmann in der Titelrolle. Später war es dann Ottfried Fischer als Pfarrer Braun, der mich in der Rolle des kriminalistisch agierenden Geistlichen immer wieder zum Lachen brachte.

Nun gebührt schon seit mittlerweile vier Staffeln dem englischen Schauspieler Mark Williams die Ehre, auf wunderbar fein humorige Weise in der für die BBC produzierten Serie Father Brown dasselbe zu tun. Gemeinsam mit seiner von Sorcha Cusack grandios verkörperten Haushälterin Brigitte McCarthy und der ebenso überzeugend von Nancy Carroll gespielten Lady Felicia Montague macht er sich im England der Fünfziger Jahre als der römisch-katholischer Father=Priester im kleinen Städtchen Kembleford auf Verbrecherjagd. Sehr zum Missfallen von Inspector Mallory, der die Nachfolge von Inspector Sullivan (Staffel 2 und 3) und Inspector Vallentine (Staffel 1) angetreten hat. Sein Glaube in das Gute im Menschen bewirkt trotz aller Gefahr, die er sich aussetzt, dass am Ende stets der Father und sein Spürsinn siegt. Staffel 4 der in wunderschöner englischer Landschaft gedrehten Serie umfasst insgesamt 10 Episoden, bei denen man zurecht den Eindruck hat, dass die Begriffe Comedy und Crime von den Briten erfunden worden sind. Sie sind im Februar 2017 bei Polyband auf DVD erschienen und zeitgleich freitags ab 21.45 Uhr auf ZDFneo zu sehen.

Der feinsinnige Humor und die tollen Darsteller sind es, die hier ganz eindeutig den Erfolg ausmachen. Ich freue mich schon auf die nächsten Geschichten rund um den Geistlichen und sein kriminalistisches Talent.

 

Meine Empfehlung für Kabarett-Freunde: Die WortArt-Boxen

Als leidenschaftlicher Kabarett- und Hörbuch Fan kommt man in Deutschland meiner Meinung nach an einem kleinen Kölner Plattenlabel nicht vorbei, das seit 1994 existiert und die Crème de la Crème der Kabarett-Schaffenden  in seinem Hörbuch Katalog versammelt. Das Label heißt WortArt und bringt neben regelmäßigen Neuerscheinungen aktueller Bühnenprogramme im Hörbuch-Format auch Bücher, DVDs und Hörspiele der komischen Art auf den Markt. Mir ganz besonders ans Herz gewachsen sind die so genannten „WortArt-Boxen“, in denen die bisherigen Programme eines Künstlers – quasi als Rückschau auf seine Entwicklung bis zum derzeitigen Moment – zusammengefasst werden. Kabarettisten, wie Dieter Nuhr, Urban Priol, Horst Evers, Serdar Somuncu, Wilfried Schmickler und Max Uthoff wurde bereits die Ehre zuteil, eine oder sogar zwei solche(r) Box(en) mit ihrem Schaffen bestücken zu können. Für Liebhaber des gesprochenen sarkastischen oder satirischen Wortes ein echtes Muss!

Liebe Leser!

Ich wünsche Euch allen ein frohes, neues Jahr 2017. Das vergangene Jahr ist für unsere Familie leider alles andere, als positiv ausgegangen, da meine Mutter im November kurz vor ihrem Geburtstag verstorben ist. Weil auch sie immer gern und viel gelacht hat, widme ich ihr sämtliche Einträge dieses Jahres in mein Blog. Euch allen weiterhin viel Spaß beim Lesen und Entdecken!

Carolin Kebekus: Alpha Pussy Live

Carolin Kebekus ist zwar knapp fünf Jahre jünger, als ich, aber trotzdem mit der gleichen rebellischen und ganz klar feministisch geprägten Einstellung aufgewachsen. Ob sie wie ich auch im Alter von sechszehn, siebzehn Jahren als Punk durchs Leben gegangen ist, weiß ich zwar nicht, aber auch das täte mich bei ihrer musikalischen Vorliebe für „Rage against the Machine“ nicht wundern. Wie vorab schon in „Pussy Terror“ gibt sie auch in ihrem zweiten abend- und Auftrittsorte füllenden Programm wieder ganz unverkennbar die Alpha Pussy. Also eine junge, selbstbewusste Frau, die nicht nur der Männerwelt unmissverständlich zeigt, wo der Hammer hängt. Die mit kritischen Augen auch auf die Jugendlichen und jungen Erwachsenen von heute schaut.

Ein absolutes „No Go“ ist dabei für sie beispielsweise die Tatsache, dass junge Frauen heute zusammen mit ihrer Mutter in die Disko oder auf eine Party gehen. Das war in der Tat vor 20 Jahren auch für mich ein echtes „No Go“. Aber da scheinen sich die Zeiten echt geändert zu haben. Auch, dass Mädels heute in YouTube-Videos ihre Schminktipps, ihre kürzlich getätigten Einkäufe oder ihre „Evening Routine“ zum Besten geben und mit den Klicks ein Vermögen verdienen ist für sie irgendwie befremdlich. Klar politisch wird sie sogar, als sie darauf zu sprechen kommt, dass die so genannte „Gender Pay Gap“ (also die Tatsache, dass Frauen in den gleichen Positionen weniger verdienen, als Männer) nach wie vor in der Realität und in den Köpfen der Menschen existiert.

Mir hat das neue Programm wie schon das Erste wieder sehr gut gefallen. Carolin Kebekus ist für mich ein bisschen wie die deutsche Lady Gaga der Comedy. Frech, frivol, selbstbewusst und gerne mal politisch inkorrekt, wie beispielsweise auch gegenüber der katholischen Kirche. Mit ihr wäre ich gerne befreundet, denn ich mag Frauen, die offen und ehrlich das aussprechen, was sie denken und sich von der (Männer-)Welt nicht den Mund verbieten lassen. Das Programm ist als Hörbuch bei Wortart erschienen und mit einem tollen Poster für alle Fans bestückt.

Hörprobe

Vince Ebert: Unberechenbar

Vince Ebert ist ein echtes Unikum unter den Komikern in unserem Lande. Seit Jahren schafft es der studierte Physiker und ehemalige Unternehmensberater die Menschen mit seiner Mischung aus intelligenter Comedy und Beobachtung von naturwissenschaftlichen Alltagsphänomenen zu begeistern. In der ARD gehört er bei den Machern der Sendung „Wissen vor Acht“ mit seiner Rubrik „Werkstatt“ zur Stammbelegschaft und beantwortet hier jede Woche auf humorvolle Weise die Fragen seiner Zuschauer. Auch auf der Bühne und bei den Lesungen seiner unterhaltsam geschriebenen Bücher gibt er stets eine gute Figur ab. In seinem neusten Werk Unberechenbar befasst er sich mit jenen Dingen des Lebens, die trotz aller heute zu Verfügung stehenden Technologie und Wissenschaft nach wie vor für uns nicht planbar sind und es wohl auch nie sein werden. Dazu gehört beispielsweise, dass man nie weiß, ob der ICE nach Karlsruhe am nächsten Montag um 8.23 Uhr pünklich abfahren wird oder man im nächsten Urlaub an der Strandbar die Liebe seines Lebens trifft.

Warum aber gerade das auch zu den Umständen zählt, die das Leben spannend und lebenswert machen, wird klar bei seiner Schilderung der Beispiele, die ihm zu diesem Thema eingefallen sind. Ob man selber lieber das bei Rowohlt erschienene Buch aus seiner Feder liest, sich dies bei einer Lesung von ihm vortragen lässt oder zum im Hörverlag erschienen Hörbuch greift, bleibt den für Außenstehende häufig unberechenbaren Vorlieben eines jeden Einzelnen überlassen. In jedem Falle eine absolut lesens-, sehens- und hörenswerte Empfehlung meinerseits.

Eierlikörtage – Das geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 83 1/4 Jahre

Meine Buchentdeckung des Jahres! Hendrik Groen ist 83 1/4 Jahre alt und lebt in einem Altersheim im Norden von Amsterdam. Sein ganzes Leben hat er zu den liebenswürdigen Ja-Sagern gehört, die immer freundlich und korrekt gegenüber ihren Mitmenschen waren. Nun hat er beschlossen, solange er dazu noch in der Lage ist, ein Jahr lag Tagebuch zu führen und die Komischen, aber auch traurigen Ereignisse in seiner Umgebung detailliert aus seiner Sicht aufzuschreiben.

Dabei legt der Mann  einen  erfrischenden, ungeschönten, manchmal geradezu bissigen bittersüßen Sarkasmus an den Tag, den kein Kabarettist der Welt besser hätte darbieten können. Der Zehen schwärzende Diabetes und der Hang zum Alkohol des besten Freundes wird dabei ebenso bedacht, wie die Mitbewohnerin, die sich mal eben in drei Kuchenstücke setzt, ohne dies zu merken. Die Demenz der ältesten Mitbewohnerin, die damit unfreiwillig für Heiterkeit sorgt und die Tatsache, das Angehörige der alten Leute bei einer Erhöhung der Parkgebühren um einen Euro einen weiteren Grund dafür hätten, dem Altersheim bei den Besuchszeiten fern zu bleiben. All das hält Groen in schonungslos ehrlicher Weise in seinem Tagebuch fest.

Wäre das, was er mit viel Humor und Feinsinnigkeit in seinen Zeilen schildert nicht gleichzeitig so abgrundtief traurig und ein Zeichen dafür, wie wenig Beachtung in der heutigen Gesellschaft alte und kranke Menschen noch finden, man wäre nicht so sehr angetan von dem, was er dem Leser versucht, durch seine Alltagsschilderungen klar zu machen. Eine ähnliche Schilderung hätte ich 2015 ebenfalls schreiben können, nachdem ich 3 Monate Krankenhaus und Rehaklinik hinter mich gebracht hatte und dabei am eigenen Leib erfahren musste, wie es ist, zum unwichtigen, nichtssagenden Individuum von Ärzten, Krankenschwestern und Therapeuten gemacht zu werden. Viele meiner Mitpatienten waren ebenfalls alt und gebrechlich, was auch hier so manches Mal zu unfreiwillig komischen Ereignissen führte.

Alte Leute in den Niederlanden und ebenso in Deutschland müssten sich viel mehr so wie der (vielleicht fiktive) Hendrik Groen in diesem System zu Wort melden dürfen, um klar zu machen, dass auch ihr Leben noch ein Lebenswertes ist, selbst wenn die perfekte Alltagswelt ihrer Angehörigen und Mitmenschen diese Sichtweise gar nicht mehr zulässt. Ich freue mich schon auf eine hoffentlich folgende Fortsetzung der lebensbejahenden, wunderbar direkt geschriebenen Eierlikörtage: Das geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 83 1/4 Jahre aus dem Piper Verlag, die wirklich in keinem Bücherschrank und auf keinem Ebook-Reader fehlen sollten.

Leseprobe